Chemiestudium: Der Überlebensguide

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Hier stellen wir Dir den Überlebensguide zum Chemiestudium vor. Wir räumen auf mit Mythen, zeigen Probleme auf, weisen aber auch auf Lösungen hin und geben mehr oder minder nützliche Tipps. Ein Hauch von Sarkasmus, Ironie und Polemik könnte hier und da erahnt werden.

Du wolltest eigentlich zum Themenportal „Chemie studieren“? Oder hast Du in Wirklichkeit die Seite mit den Hinweisen zum Bachelor-Studium in Kiel gesucht? Vielleicht willst Du aber auch die Informationssysteme der Uni Kiel verstehen? Dann folge doch den jeweiligen Links.

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Wie alles angefangen hat

Ein sicherer Job und viel Geld?

Vielleicht hast du dein Studium begonnen, weil man dir Geschichten erzählt hat. Geschichten davon, wie viele Chemiker und Naturwissenschaftler in Deutschland gebraucht werden, welche Unternehmen händeringend nach gut ausgebildeten Kräften suchen und wie sorgenfrei das Leben ist, wenn man den Abschluss in der Tasche hat. Leider stimmt nichts davon.

Zwar betrug 2009 der tarifliche Jahreslohn für promovierte Chemiker im zweiten Berufsjahr stolze 62.590 Euro – und damit sind die Bereiche der Chemie- und Pharmaindustrie unter den drei am besten zahlenden Branchen – doch entsprechende Stellen sind sehr, sehr rar gesät.

Was jetzt zu tun ist

Gemeinsam seid ihr stark

Im Studium kommt es auf eure eigenen Leistungen an. Aber wer sich in einer Gruppe mit Kommilitonen vernetzt, der kann sich das Studium extrem erleichtern. Gruppen in WhatsApp und Facebook sind heutzutage schon Standard und erleichtern die Kommunikation untereinander erheblich, insbesondere wenn wichtige Deadlines fällig sind. Aber auch abseits davon ist es wichtig, sich mit Kommilitonen zu treffen, um zu lernen oder gemeinsam Aufgaben zu rechnen. In Vorlesungen, die für euch zu ungünstigen Zeiten liegen, kann man sich mit der Anwesenheit abwechseln. Dann schreibt jede Woche einer für alle die Vorlesung mit und teilt seine Mitschrift.

Arbeitet zusammen, tauscht Material aus, lacht und weint zusammen – all das wird Euch stark machen.

Vertraut mir, ihr werden von den Vorkenntnissen eurer Kommilitonen profitieren. Ein ehemaliger Azubi kann euch zeigen, wie ihr das Gelernte praktisch anwenden könnt und jemand, der bereits studiert hat, wird euch vielleicht Verständnisfragen beantworten können. Ein Netzwerk aus Kommilitonen zahlt sich aber auch nach dem Studium aus. All die Menschen, mit denen ihr studiert, werden selbst irgendwann Jobs finden, besondere Fähigkeiten erwerben, sie werden Menschen kennenlernen, die euch nützen können und wer sich bereits im Studium ein Netzwerk aufbaut, der wird am Ende auf dem Arbeitsmarkt die Nase vorne haben. Denn auch hier gilt das alte Sprichwort: Kontakte sind nur scheiße für Leute, die keine haben.

Warum Nichtakademikerkinder es schwerer haben

Wer aus einem Nichtakademikerhaushalt kommt, wird manchmal früher oder später einen Unterschied zu Kommilitonen bemerken, die aus einem Akademikerhaushalt kommen. Vielleicht wird der eine oder andere bemerkt haben, dass es diesen Kommilitonen leichter fällt, durch das Studium zu kommen. Da dieses heikle Thema auch ein sehr umfassendes ist, gehen wir an anderer Stelle genauer darauf ein.

Warum Frauen unterrepräsentiert sind

Frauen sind in den meisten naturwissenschaftlichen Studiengängen unterrepräsentiert. Während zu Beginn der Forschung zu den Ursachen für die Unterrepräsentanz von Frauen in der Wissenschaft die Erklärung in Sozialisationsprozessen gesucht wurde, ist sich die neuere Forschung mittlerweile einig, dass die Ursachen woanders liegen. Auf diesen (sicherlich sozialkritischen) Punkt gehen wir aber auf einer anderen Seite noch genauer ein.

Genug ist genug

Manchmal neigt man dazu, immer mehr Leistung bringen zu wollen. Vielleicht weil man glaubt, sich beweisen zu müssen oder weil man keine Anerkennung bekommt. Das ist aber ein allgemeines Problem in unserer Gesellschaft, dennoch möchte ich noch kurz erwähnt haben: Wenn man nicht rechtzeitig lernt, aufzuhören bzw. lagsamer zu machen, dann ist immer mehr, immer besser, immer schneller irgendwann zu viel. Der Körper, der Geist hören irgendwann auf zu funktionieren. Das kann mit 22 sein, mit 30 oder mit 50, aber irgendwann kommt jeder an diesen Punkt. Was erstmal bleibt sind die folgenden Fragen, wie Melanie Goel schreibt: „Was bleibt von mir, wenn ich keine Leistung mehr bringe? Wer bin ich dann? Warum sollte mich irgendwer noch interessant finden? Und was soll ich anderen Menschen nun erzählen?“ Durch Kunsttherapie konnte sie ihren Zusammenbruch überwinden und wieder lernen, langsamer zu machen und zu tun, was ihr Spaß macht, aber sie hat auch gelernt, dass sie die Anerkennung von außen nicht mehr braucht, wenn sie mit sich zufrieden ist. Und das sollte jeder, der dieses Verhalten an sich beobachtet, lieber früher als später bedenken.

Finanzierung

Und wie finanziere ich mir den ganzen Spaß?

Tja, hier kommt jetzt der Knackpunkt. Mit dem Beginn des Studiums kommt auch ein neuer Lebensabschnitt auf viele zu, daher wählen eine Menge Studenten die Option, die Eltern zu verlassen und selbstständig zu werden. Und hier wird die Sache unangenehm kompliziert. Denn nur die wenigsten Studenten haben die Möglichkeit, nebenbei noch Teilzeit in einem Unternehmen zu arbeiten, um 1000 Euro oder mehr zu verdienen. Hier greifen viele Studenten zu 400- bzw. 450-Euro-Jobs. Und diese Jobs gibt es wirklich wie Sand am Meer. Wenn Arbeitgeber billige Kräfte für wenig Geld ausnehmen können, wird man euch mit Angeboten quasi zuscheißen. Man muss nur die Augen offen halten. Natürlich gibt es die Klassiker, wie z.B. Kellnern oder Regale im Supermarkt befüllen, aber es gibt auch Jobs, die für euer Fachgebiet geeignet sind. Wer Kontakte zu Unternehmen hat, kann dort (insbesondere mit ein paar Semestern Studienerfahrung) relativ schnell einen Minijob finden, bei dem seine Fähigkeiten zumindest teilweise gefragt sind.

Aber selbst 450 Euro pro Monat sind zu wenig, um anständig zu leben. Natürlich lässt sich Geld sparen, indem man in der Hochschulmensa essen geht, im Discounter einkauft, auf Fleisch verzichtet, nach Angeboten schaut, Möbel und Kleidung gebraucht kauft und häufiger das Rad bzw. das Studententicket für öffentliche Verkehrsmittel nutzt, aber all das hilft nur bedingt. Allein die Miete frisst in Studentenhochburgen locker 400 Euro pro Monat, dazu noch die Semestergebühren und Kosten für Lebensmittel, da muss mehr Geld her. Das kann von den Eltern kommen. Vielleicht verfügen sie über Reserven und können hier und da mal mit 100 Euro aushelfen, aber wo selbst das nicht möglich ist, muss man sich mit dem Staat auseinandersetzen. Kindergeld wird bis zum 25. Lebensjahr gezahlt und gehört – rein rechtlich – euch.

Abgesehen davon gibt es natürlich noch den Klassiker schlechthin:

BAföG.

Der BAföG-Höchstsatz für Studenten beträgt zurzeit rund 700 Euro. Den zu bekommen ist aber quasi unmöglich, da sich der Satz nach dem Einkommen der Eltern und den Geschwistern berechnet (egal ob man von der Kohle was sieht oder nicht), das eigene Einkommen abgezogen wird, der Wohnort einfließt, und so weiter. In Kombination mit einem Nebenjob ist das BAföG allerdings in einigen Fällen durchaus hoch genug, um durch’s Studium zu kommen. Es ist nicht einfach, aber es wäre irgendwie zu bewerkstelligen.

Gäbe es da nicht so ein fieses Detail:

Wer die Regelstudienzeit überschreitet, der fliegt raus. Dabei ist egal ob ihr den Antrag im 1. oder im 6. Semester stellt: Wenn ihr über das Semester hinaus weiterstudiert, das in der Prüfungsordnung als Regelstudienzeit angegeben wird, verliert ihr die Förderung. Meistens ohnehin schon vorher. Das steht ein wenig konträr zu meinem Ziel, auch aus dem Bachelorstudium wieder eine Chance auf persönliche Bildung zu machen. Aber es gibt noch eine weitere Möglichkeit, die entweder mit dem BAföG kombiniert werden kann, oder alternativ zu ihr bezogen wird.

Bildungskredite

Der Bildungskredit der KfW. Viele andere Banken bieten den auch an, aber nur bei der KfW kenne ich die Konditionen so einigermaßen. Der Kredit ist unabhängig von der Anzahl der Fachsemester zu beziehen und läuft maximal 14 Semester, also 7 Jahre lang. Die Höhe der Auszahlung kann vom Studenten monatlich bestimmt werden und die Tilgung beginnt spätestens nach 23 Monaten. Gefordert wird lediglich ein Leistungsnachweis nach 6 Fördersemestern. Im Gegensatz zum BAföG, wo nur rund die Hälfte des Geldes zurückgezahlt werden muss, wird beim Bildungskredit allerdings der volle Betrag inklusive Zinsen fällig.

Wer nicht mehr BAföG-Berechtig ist, der hat ebenfalls Anspruch auf Wohngeld. Dabei werden die Mietkosten anteilig vom Staat übernommen, ohne spätere Rückzahlung. Die genaue Höhe der Kostenübernahme müsst ihr allerdings bei eurer zuständigen Wohngeldstelle erfragen.

In jedem Fall ist das BAföG eine wunderbare Möglichkeit für Studenten. Vor dem Abschluss eines Bildungskredites solltet ihr aber unbedingt mehrere Angebote in Ruhe vergleichen und insbesondere ein Auge auf die Zinssätze haben, die bei der Tilgung fällig werden.

Meiner damaligen Recherche nach war der Bildungskredit der KfW das fairste Angebot, dies kann sich aber mitlerweile auch geändert haben.

Zu guter Letzt

Natürlich gäbe es noch viel mehr, worüber man schreiben kann. Zum Beispiel, dass ihr dringend trinkfest werden müsst oder dass ihr auf jeden Fall Sex haben werdet, selbst wenn das vorher nicht der Fall war.

Aber ich will euch ja nicht jede Erfahrung vorweg nehmen.

Deshalb verlasse ich euch mit einem letzten Tipp:

Es gibt nur eine Regel bei einer Hausparty: Sei NIEMALS der Gastgeber.

Weiterführendes

Die inoffizielle Prüfungsordnung: Warum es im ersten Semester ok ist, sich anzupassen und wann der Spaß aufhört, wie man im zweiten Semester lernt, den Prüfungsstress zu besiegen, um dann im dritten Semester vor dem Endgegner Prokrastination zu stehen. Dass man auch auf sein Bauchgefühl hören sollte, Abenteuer suchen und sich keinen Stress machen sollte, wenn man mal nicht in Regelstudienzeit ist – all das steht einmal schön kurz und unterhaltsam in der inoffiziellen Prüfungsordnung.

Wie man sich seine Motivation erhält und was es zu beachten gibt.

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