Ist das Chemiestudium das richtige für mich?

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Die Entscheidung darüber, ob und was Du studierst, musst Du allein treffen – nicht Deine (ehemaligen) Lehrer, nicht Deine Eltern, auch nicht Deine Freunde und Geschwister, nicht der Berufsberater und erst recht kein Berufsfindungstest oder Computerprogramm. Es ist Deine Zukunft, Deine Lebenszeit, die da vor Dir liegt. Lass Dich nicht drängeln, nicht bequatschen, bleib skeptisch gegenüber Leuten – und seien es Deine Freunde –  die Geheimtipps haben oder „wissen“ was „sinnvoll“ ist, die Dir Erfolg und Geld prophezeien. Hör nicht auf die ewigen Nörgler und Miesepeter, die Dir Fächer madig machen wollen, weil sie „unnötig“ seinen, es „trocken„, „langweilig„, „aufwendig“ oder „zu schwer“ wäre. Es gibt auch kein Fach, mit dem man todsicher (nicht) arbeitslos wird, niemand kann Dir sagen, ob Du mit dem Studium glücklich und erfolgreich wirst oder nicht.

Und, um das kurz einmal klarzustellen: Universitäten sind nicht dafür da die Studierenden auf „die Wirtschaft“ vorzubereiten oder sich auf die Bedürfnisse des zukünftigen Arbeitgebers einzustellen. Aber natürlich gehen die Hochschulen auch auf die Erfordernisse des Arbeitsmarkts ein und halten mit Projekten den Kontakt zur Industrie, aber ein Studium ist nun einmal keine Berufsausbildung im klassischen Sinn. Hinzu kommt folgender Punkt: Wissen hält nicht ewig. Niemand, wirklich niemand  kann genau wissen, was in fünf Jahren für Spezialkenntnisse wichtig werden. Oft genug sind es nicht die Fakten, die Du später brauchst, sondern die Methoden, das Fundament Deiner Bildung. Dieses Fundament aus bestimmten Denkmustern ist es, dass Dich dazu befähigt weiter zu lernen, mit neuen Sachverhalten zurecht zu kommen und Dich an Deine Umwelt anzupassen.

„Gebildet sein“ bedeutet heutzutage mehr denn je nicht, so viel Faktenwissen gebunkert zu haben, dass man jede Quizsendung gewinnen kann, sondern sich flexibel auf neue Anforderungen einstellen und neue Erkenntnisse einordnen und bewerten zu können.

Und die wohl nützlichste Fähigkeit ist wohl zu wissen, wie man sich leidenschaftlich und effektiv aus der Scheiße rauszieht, in der man da gelandet ist.

Und auch wenn Dir die Methoden das Bestehen am Arbeitsmarkt ermöglichen, sollte es am Ende doch die Begeisterung für ein Fach sein, die Dich dazu bringt etwas auch wirklich studieren zu wollen. Der Gedanke an Dein Studienfach (nicht an die Bedingungen!) muss etwas in Dir zum Kribbeln bringen. Ohne „inneres Feuer“, ohne Leidenschaft, kannst Du vielleicht Zeitung austragen, Regale einräumen oder Paletten umstapeln, aber ohne persönliches Engagement wird ein Studium zur Qual. Wähle ein Fach, für das Dein Herz schlägt. Studiere um Deiner willen, als Selbstzweck und nicht bloß als Mittel zum Zweck, mach was Dich interessiert und begeistert mit all seinen Höhen und Tiefen, aber mache es ordentlich – und, um einmal meine ehemalige Deutschlehrerin zu zitieren: „Seid Faust, nicht Wagner„.

Natürlich muss auch noch Folgendes erwähnt werden: Häufig weiß man nicht so genau, was man studieren will. Es ist überhaupt nichts falsch daran ein Studienfach, mit dem man sich (zumindest) ein wenig identifiziert, erst einmal zu „testen“ und sich dann vielleicht etwas Neues zu suchen. Manchmal braucht es auch ein wenig Zeit, bis man mit einem Studienfach warm geworden ist und man merkt, dass es einem Freude bereitet. Manchmal dauert es ein wenig, bis man weiß, was man möchte, manchmal geht es schnell. Es macht Dich nicht zu einem besseren Menschen, wenn Du schnell herausgefunden hast, was Du machen willst; es macht Dich aber auch nicht zu einem schlechteren Menschen, wenn Du dafür ein wenig Zeit brauchst.


Nachdem wir uns nun einmal ganz allgemein über die Studienwahl unterhalten haben, wollen wir Dir nun ein bisschen was spezifischeres über das Chemiestudium erzählen. Es folgt eine Tragödie in vier Akten.


Fakten! Fakten! Fakten?

Chemie ist ein Vollzeitstudium

Und plötzlich geht Dir bei der Studienwahl ein Licht auf.
Und plötzlich geht Dir bei der Studienwahl ein Licht auf.

Ein Chemiestudium ist ein Vollzeitjob mit vielen Überstunden. Von morgens bis abends verbringst Du Deine Zeit in der Uni, in Deiner knappen Freizeit fertigst Du Protokolle an oder bereitest Dich auf Testate bzw. Kolloquien vor.  In der Regel hat man pro Woche mindestens 40 Stunden, die man in der Universität verbringt. Einen Großteil der verbleibenden Zeit verbringt man nicht in der Uni, sondern Zuhause oder in der Bibliothek mit dem Nacharbeiten der Veranstaltungen, dem Schreiben von Protokollen oder dem Lernen.

Parallel zu arbeiten oder zeitaufwendige Hobbies zu pflegen ist schwierig, aber möglich. Du solltest auf jeden Fall sehr motiviert sein (, aber auch Faule können durch das Studium kommen).

Wie viel Zeit und Arbeit Du in dein Studium steckst, beziehungsweise stecken musst oder kannst, liegt an Dir, Deiner Arbeitsmoral, Deiner Intelligenz und Deinen äußeren Umständen. Von all diesen Faktoren hängt dann im Endeffekt auch ab, ob du Dein Studium in Regelstudienzeit schaffst oder nicht. Aber nicht in Regelstudienzeit zu studieren ist ohnehin kein Weltuntergang.

Nicht vergessen: „Chemie ist ein Marathon, kein Sprint.“

Anwesenheit ist der Schlüssel

Häufig gibt es in den Lehrveranstaltungen (abgesehen von Laborpraktika) keine Anwesenheitspflicht mehr. Und trotzdem ist Präsenz (leider) oft der Schlüssel zum Erfolg. Es ist also jedem freigestellt, ob er zur Vorlesung kommt oder ob er lieber alleine zu Hause lernt oder was ganz anderes macht. Für die Anmeldung zur Klausur ist die Anwesenheit bei der Veranstaltung keine Grundvoraussetzung. Nichtsdestotrotz zahlt es sich in jedem Falle aus, die Veranstaltungen und auch die (teils freiwilligen Zusatz-)Übungen zu besuchen. Nicht zuletzt hilft Dir die Präsenz an der Uni aber auch, mit den Leuten in Kontakt zu bleiben. Und auch wenn du dich eher als Einzelkämpfer siehst: Die meisten Chemiestudenten werden durch ihre Gruppe durch ihr Studium bugsiert. Deine (Lern- oder Arbeits-)Gruppe hilft Dir bei Durststrecken, Schwierigkeiten und Problemen weiter, und auf die ist bisher noch jeder Student gestoßen.

Auch wenn Du viele Vorlesungen hörst, in Seminaren Vorträge vorbereitest oder in den Übungseinheiten verschiedene Übungsaufgaben diskutierst, wirst Du einen nicht unerheblichen Teil Deiner Zeit im Labor verbringen. Die Praktika tragen wohl in hohem Maße zur großen Präsenzzeit während des Studiums bei. Rein rechnerisch verbringen die meisten Chemie-Studenten ein Drittel ihrer Studienzeit im Praktikum. Dass ein Chemie-Praktikum, wie es der Studienverlaufsplan vorsieht, und ein Wirtschaftspraktikum zwei Paar Schuhe sind, wird an anderer Stelle erläutert. Ein Betriebspraktikum, wie man es eventuell noch aus der Schule kennt, ist während des (Bachelor-)Studiums ohnehin nicht vorgesehen. Im Laborpraktikum werden üblicherweise Versuche aus Vorschriften der Universität durchgeführt und protokolliert. Diese Praktika finden entweder vorlesungsbegleitend oder während der vorlesungsfreien Zeit statt. Während der Praktikumsphasen steigt die Wochenstundenbelastung üblicherweise stark an, da die Praktika in der Regel sehr zeitaufwendig sind. Vorbereitungen, Kolloqien, Durchführung und Protokollierung sind sehr zeitintensiv.

Die Praktika können sehr anstrengend und sogar frustrierend sein, dennoch sind sie essenzieller und wichtiger Bestandteil des Studiums. Außerdem schweißt so ein Laborpraktikum zusammen 😉

Die Praktika ermöglichen es Dir außerdem, die ganze trockene Theorie einmal selbst anzuwenden. Das intensive Berliner Blau, welches beim qualitativen Eisennachweis mit Kaliumhexacyanoferrat entsteht, vergisst man nicht so schnell und plötzlich erscheint die Komplexchemie gar nicht mehr so abstrakt. Auch mehrstufige Synthesewege im OC-Praktikum bestehen nüchtern betrachtet zwar aus dem Mischen meist klarer Flüssigkeiten, hier mal etwas destillieren, da mal etwas mit Lösungsmittel ausschütteln und dann noch mit Natriumsulfat trocknen. Doch wenn am Ende das metaphorische Heureka steht, sobald der instrumentelle Nachweis deines Zielmoleküls positiv ausfällt, weißt Du, warum sich der ganze Aufwand gelohnt hat.

Chemie ist Mathe (und Physik)

Ja, da führt kein Weg dran vorbei. Sorry.

Viele Theorien und Konzepte der Chemie haben ihren Ursprung in der Physik oder bedienen sich mathematischer Modelle, daher sollte man diesen Fächern nicht unbedingt abgeneigt sein. Ein kleiner Lichtblick: Die Physik und Mathematik, die ein Chemiker lernt, ist aber sehr anwendungsbezogen und „pragmatisch“, sie hat weniger mit „echter“ Hochschulmathematik oder -physik zu tun. Ganz los wird man die beiden wissenschaftlichen Schwestern der Chemie übrigens nie. Die Einstellung: „Aber ich studiere ja Chemie, das mit Mathe wird schon irgendwie gehen” ist keine Einstellung, mit der Du unbeschadet durch das Studium kommst. Die mathematischen Methoden der Schulchemie sind mit denen des Chemiestudiums nicht zu vergleichen. Vor allem in der physikalischen Chemie (PC) und theoretischen Chemie (TC) sind mathematische Grundlagen die Voraussetzung für das Verständnis und letztendlich auch zum Bestehen der Klausuren.

Um die für das Chemiestudium notwendigen Grundlagen zu erlernen, musst Du in den ersten beiden Semester die Module „Mathematik für Chemiker I + II” belegen. Diese Module sollten Dich nicht allzu sehr frustrieren, denn es werden Dir die Fähigkeiten vermittelt, die Du später – zum Beispiel in der physikalischen Chemie – benötigst. Auch ist es überhaupt nicht schlimm, wenn Du nicht alles sofort verstehst, dafür gibt es schließlich Tutorien und Übungen. Und auch der Dozent reißt Dir nicht den Kopf ab, wenn Du die eine oder andere Frage stellst. Und Bücher sind auch sehr geduldige Lehrer.

Chemie studieren
Manchmal geht Dir auch kein Licht auf, manchmal brennst Du schon ewig für das Fach.

Vielleicht hattest Du in der Schule nicht den besten Mathekurs, aber das ist kein Weltuntergang.

Dafür gibt es zum Beispiel den Mathevorkurs, in welchem genau diese Dinge wiederholt werden, die Dir den Einstieg in die Hochschulmathematik erleichtern. Sagen Dir Begriffe wie „Differenzieren“, „Integrieren“ oder „e-Funktion“ nichts,  dringend empfehlen, diesen zu besuchen. Wenn Du mathematisch einigermaßen fit bist, dann ersparst Du Dir sehr viel Arbeit während des Studiums.

Chaplin zu Einstein: „Mir wird applaudiert, weil mich jeder versteht, und Ihnen, weil Sie niemand versteht.”

Chemie ist hart

Ein Chemiestudium verlangt Engagement, ein gutes Zeitmanagement und ein nicht unerhebliches Maß an Disziplin! Selbst wenn Du zum Studienbeginn hoch motiviert warst, wird es Dir passieren, dass Dir irgendwann diese Motivation ausgeht und Dir die Lust vergeht. Das ist normal. Es ist eben viel Plackerei und ein Ende scheint oft nicht in Sicht.  Zum Teil ist es auch das, was das Chemiestudium ausmacht. Aber ein Studium ist generell hart, ob gerade das Chemiestudium härter als andere Studiengänge ist, können wir nicht sagen. [vgl. [a]]

Doch alle Chemiestudenten sitzen irgendwie im selben Boot und das oft sehr eng und nah beieinander, dass führt dazu, dass man oft ziemlich gut miteinander auskommt. Es sind die äußeren Umstände, die einen zu Leidensgenossen machen und zusammenschweißen. Dadurch findet man seine besten Freunde, die besten Lernpartner und natürlich auch die besten Saufkumpanen – und vielleicht sogar „seine große Liebe“. Gerade diese herzlichen Details machen das Studium, trotz der hohen Belastung, auf jeden Fall studierenswert. Wenn Du mit all dem leben kannst, dann könnte das Chemiestudium etwas für Dich sein.

Achja… es ist von Vorteil, wenn Du Dich selbst organisieren kannst und jede Menge Durchhaltevermögen sowie Leidensfähigkeit mitbringst… und wenn nicht, dann wird Dir das Studium genau das beibringen.

Fragen über Fragen

Nachdem Du nun ein deutlicheres Bild vom Chemiestudium hast, denke in einer ruhigen Minute mal über die folgenden Fragen nach:

  • Was fällt mir leicht? Was fällt mir schwer? Was mache ich nebenher und selbstverständlich? Wovor drücke ich mich nach Möglichkeit?
  • Für welches Fach musste ich in der Schule am meisten lernen, um am Ball zu bleiben?
  • Was schätzen andere an mir? Welche Aufgaben übertragen mir andere gern, weil sie glauben, dass ich sie gut und schnell bewältige?
  • Mit welchen meiner Fähigkeiten geben meine Eltern in der Verwandtschaft an? Passt mir das?
  • Um welche meiner Gaben beneiden mich andere?
  • Womit kann ich andere in Erstaunen versetzen?
  • Womit habe ich Geduld? Womit nicht?

Anmerkungen

[a] Aber wenn wir ganz ehrlich sind: Begriffe wie „leicht“ oder „schwierig“ hängen keinem Fach an, vielmehr hängen sie an Dir und der Intensität, mit der Du Dich mit dem Studium beschäftigst. Du darfst die Verständlichkeit einer Frage nicht mit der Komplexität der Antwort verwechseln. Die üblichen Themen des „gehobenen“ Smalltalks – Politik, Erziehung, Bildung und dergleichen – kann man (scheinbar) auch ohne tiefere Sachkenntnis bei Kaffee und Kuchen diskutieren.

Eine Übungsaufgabe aus der physikalischen Chemie versteht man erst gar nicht – sie scheint schwierig zu lösen. Welch kompliziertes Unterfangen Aussagen über Ursachen und Wirkung wirklich sind, wie schwierig es ist, Gesetze zu ändern, Erziehungsempfehlungen zu geben oder neue Bildungskonzepte vorzuschlagen, bemerkt man erst, wenn man sich näher damit beschäftigt. Aber, wenn Du genug Energie in die Grundlagen der physikalischen Chemie investierst, würde es Dir zeigen, dass die Dinge gar nicht weiter kompliziert sind. Das soll nun nicht heißen, dass physikalische Chemie „leicht zu verstehen“ sei, sondern dazu anregen, die Schwierigkeit eines Fachs nicht vorschnell zu beurteilen und diesen Aspekt – die Komplexität eines Fachs – nicht vorrangig zu behandeln.

Chemie ist, wenn es knallt, blitzt, zischt und stinkt - oder?
Chemie ist, wenn es knallt, blitzt, zischt und stinkt – oder?