Risikokompetenz – Statistiken richtig verstehen

Du bist hier:

„Es gibt Erwachsene, die sagen mit Stolz, dass sie schlecht in Mathematik waren und bekommen dafür Applaus.“

  • Gerd Gigerenzer, Psychologe

Gerd Gigerenzer ist emeritierter Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und von dort aus gibt er gemeinsam mit einigen Kollegen die „Unstatistik des Monats“ heraus.

Gerd Gigerenzers These ist, dass wir alle nicht gelernt haben ordentlich mit Zahlen umzugehen und Wahrscheinlichkeiten zu verstehen. Die Folgen sind verheerend: Von schlicht dummen Entscheidungen bis zum eigenen Tod.

Am 12. März 2019 hielt er in Leipzig einen Vortrag mit dem Titel „Vom Umgang mit Risiko und Unsicherheit – Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“ über die selbstverschuldete Unmündigkeit beim Umgang mit Statistiken. Diesen Vortrag kann man als Podcast auf der Website des Deutschlandfunks hören und herunterladen.

Ein Beispiel: Bluttest erkennt Brustkrebs

Am 21. Februar 2019 stellte das Universitätsklinikum Heildelberg einen Bluttest zur Brustkrebsdiagnostik vor. Beworben wurde der Test damit, dass er eine Sensitivität von 75 Prozent aufweisen würde. Bewerten lässt sich dies aber nicht, denn … ich zitiere jetzt aus der entsprechenden Unstatistik:

„Ist 75 Prozent nun gut oder schlecht? Diese Frage kann niemand beantworten, da die Pressemitteilung die dazu notwendige Information unerwähnt gelassen hat: die Falsch-Alarm Rate des Bluttests. Denn jeder Test dieser Art macht zweierlei Fehler: erstens, einen Krebs zu übersehen (wie gesagt, der Bluttest übersieht dies bei 25 Prozent der Frauen), und zweitens, bei Frauen ohne Krebs fälschlicherweise Krebs zu diagnostizieren. Die Falsch-Alarm Rate gibt an, wie oft dieser zweite Fehler passiert. Gerade bei einem Bluttest sollten Frauen diese Information ehrlich und verständlich erhalten, da sie mit einem verdächtigen Befund noch bis zu fünf Jahre leben müssen – erst dann sind Tumore in der Regel so groß, dass man mit bildgebenden Verfahren wie Mammographie prüfen kann, ob es wirklich einen Tumor gibt oder es sich um einen falschen Alarm handelt. Und je höher die Falsch-Alarm Rate ist, desto mehr gesunde Frauen müssen mit Verdacht auf einen Krebs leben, den sie gar nicht haben. Man muss sich ernsthaft fragen, warum die Pressemitteilung diese wichtige Information der Öffentlichkeit vorenthalten hat.“

Diese Information wurde bis zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht nachgereicht (ich lasse mich aber gerne korrigieren -schreibt mir dazu einfach eine Nachricht über das Kontaktformular).

Die Tagesschau sprach Ende Mai von der „Bluttest-Affäre in Heidelberg„, aber nicht aufgrund der fraglichen Verwerdung von „Statisiken“, sondern (berechtigterweise) aufgrund der Verwertung von Forschungsergebnissen in einem mindestens fraglichen Firmengeflecht.

„Das Universitätsklinikum Heidelberg bedauert die Geschehnisse um den Bluttest zur Brustkrebsdiagnostik und nimmt die Kritik der Fachgesellschaften, Experten und Öffentlichkeit sehr ernst.“ (Pressemitteilung vom 05.04.2019)

Eine offene Frage bleibt…

Und warum reichen die Folgen dieser selbstverschuldeten Unmündigkeit nun bis zum (möglichen) eigenen Tod? Weil uns falsch kommunizierte oder falsch verstandene Statistiken zu Entscheidungen bringen können, die mit einem höheren Sterberisiko verbunden sind (z. B. auf langen Strecken das Auto zu nutzen anstelle eines Flugzeugs). -> Für mehr und vor allem genauere Beispiele empfehle ich den Podcast oder eines der zahlreichen Bücher zu dieser Thematik.